Rückblick
Musica Sacra International 2026
Rückblicke der künstlerischen und wissenschaftlich-theologischen Leitung
a) Rückblick von Bettina Strübel
künstlerische Leiterin des Festivals · Frankfurt, 30.5.2026
Über Pfingsten, also vom 22. - 26. Mai 2026 fand in Marktoberdorf und der Region Allgäu das interreligiöse Festival Musica Sacra International unter dem Motto „Resonanzen des Heiligen“ statt. Acht Ensembles aus verschiedenen Religionen und Regionen unserer Welt waren eingeladen, in Konzerten und Ateliers ihre religiösen, kulturellen und musikalischen Traditionen vorzustellen. Während des fünftägigen Festivals probte der Festivalchor, der im Schlusskonzert ein interreligiöses Programm mit einer Uraufführung präsentierte.
Im Folgenden finden sich einige Reflexionen über die Ensembles und ihre Musik, ihren Hintergrund und auch über sonstige Begegnungen und Beobachtungen.
Auf der Homepage des Festivals www.musica-sacra-international.org gibt es Ensemblebeschreibungen und weitere Informationen.
Brigham Young University Singers (USA, Utah)
Dieser Chor steht qualitativ an der Spitze vieler Chöre, die an der Brigham Young University, einer Universität der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ angesiedelt sind. Im Atelier gaben Chorleiter Andrew Crane sowie einzelne Chormitglieder Einblicke in die Arbeit und Strukturen des Auswahlchors, der sich jährlich durch strenge „Auditions“ neu bildet. Der Chor präsentierte Arrangements meist sehr junger Komponist*innen von Liedern aus dem Gesangbuch ihrer Kirche, Spirituals und klassische Kirchenmusik. Es war auffallend, dass alle Sänger*innen sich vollkommen mit den Inhalten der von ihnen gesungenen Musik identifizierten und so das herausragende chorische Niveau von einem inneren Strahlen der Singenden begleitet wurde. Berührend war auch – noch im Bette liegend - eine Andacht morgens um sieben im Freien mitzubekommen, immer wieder durchbrochen von wunderschöner Chormusik. Es gab im Vorfeld teilweise Bedenken, diesen Chor einzuladen, denn der starke Missionierungsdrang der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ steht im Gegensatz zum „Code of Conduct“ des Festivals. Es wurde nicht missioniert und die fünf gemeinsamen Tage im Allgäu haben zu vielen guten und interessanten Begegnungen geführt - ganz im Sinne des respektvollen und dialogorientierten Umgangs, den die beiden großen Amtskirchen Deutschlands mit dieser Kirche pflegen. Die Brigham Young University Singers unterstützten als Studiochor den Festivalchor - hebräischer und osmanischer Psalm sowie Verse aus der Sure „Der Barmherzige“ inklusive. Auch die ausgelassenen Auftritte einzelner Mitglieder beim nächtlichen Café Musica am Klavier, am Mikrofon oder auch am Schlagzeug bleiben in schöner Erinnerung.
Efsun Ensemble (Türkei/Deutschland)
Ein Ensemble, welches sich extra für das Festival zusammengefunden hat. Mit einer Ausnahme leben alle Mitglieder in der Türkei, spielen in den dortigen Staatsorchestern oder unterrichten an verschiedenen Universitäten des Landes. Das Programm bildeten anatolische und osmanische Kompositionen, Improvisationen und auch zeitgenössische Werke, die von der jahrhundertealten Musiktradition der heutigen Türkei inspiriert waren. Auch wenn sich kein Derwisch drehte, konnte man sich diesen bei den zusammenhängenden und im Tempo steigernden Stücken bildhaft vorstellen. Als der Sänger, der lange auch Muezzin war, im Schlusskonzert zusammen mit dem Festivalchor auftreten sollte, gab es zunächst Irritationen, da er trotz anderer Absprachen nur im Sitzen aus dem Koran rezitieren wollte und so das Regieteam gehörig ins Schwitzen brachte. Aber auch solche Irritationen gehören zu einem interreligiösen und interkulturellen Festival und lassen sich wohl trotz intensivster Absprachen nicht ganz vermeiden, sind aber im Grunde immer auflösbar.
Kölner Gagaku Ensemble (Köln/Japan)
Gagaku ist eine uralte sakrale Ritualmusik, die in China entstand, jedoch nur in Japan 1300 Jahre „überlebt“ hat und heute außer in Japan lediglich an wenigen Orten der Welt (Hawaii, New York, Köln) gepflegt wird. Eine kleine interkulturelle Gruppe um den Leiter des Ensembles, Yoshiro Shimizu, hat sich intensiv mit dem Spiel der für uns exotischen Instrumente wie Ryūteki (Drachenflöte), Taiko (große Trommel), Kako (kleine Trommel), Koto (Zither), Biwa (chinesische Laute), Hichiriki (Oboe) und Sho (japanische Mundorgel) beschäftigt. Die Klänge sind dissonant und auch das Zusammenspiel wirkte chaotisch. Nachdem viele Hörende beim Eröffnungskonzert eher irritiert von der musikalischen Darbietung waren, die übrigens gleich drei Religionen repräsentierte (Buddhismus, Shintoismus, Tenrikyō), entwickelte sich im Laufe der Festivaltage und auch durch die Erläuterungen im Atelier bei vielen ein Verständnis, manchmal sogar eine Liebe zu dieser Ritualmusik. Auch im Hinblick auf das Festivalthema „Resonanzen des Heiligen“ war dieses Ensemble sehr aufschlussreich, ist Gagaku doch nicht in erster Linie für menschliche Ohren bestimmt, sondern soll die Sphäre zum Göttlichen öffnen, man könnte auch sagen, dem Göttlichen gefallen. So bietet das Festival auch immer wieder Anregungen, über grundsätzliche Fragen von religiöser Musik und deren Rezeption nachzudenken.
Kol koré (Deutschland/Israel)
„Die Stimme ruft“ ist der Name des Ensembles, und neben der Stimme der jüdischen Kantorin Aviv Weinberg hat auch ein Antilopenhorn, gespielt von Bar Zemach gerufen. Eigentlich wird das Schofar, in Deutschland meist ein Widderhorn, zur Erzeugung von rhythmischen Signaltönen an den Hohen Feiertagen eingesetzt. Was der Hornist Bar Zemach, der im West-Eastern Divan Orchester spielt, an Melodien aus seinem vom Großvater mit einem Auftrag übertragenen Instrument herausholt, ist einfach phänomenal. So begeisterte das vom Pianisten und Professor für die Geschichte der jüdischen Musik, Jascha Nemtsov, zusammengestellte Ensemble die Festivalgäste mit einer Mischung aus jüdischer liturgischer Musik, aus Bearbeitungen von Isaac und Jacques Offenbach und mit jiddischen Liedern. Schön und berührend war es auch zu erleben, dass der amerikanische Kantor Gerald Cohen, dessen Psalm 23 der Festivalchor sang, kurzfristig bei einem Konzert in München mit einsprang, da ein Ensemblemitglied verhindert war. Dass „Musica Sacra International“ ein Begegnungsfestival ist, zeigt sich auch immer wieder daran, dass weit über die Pfingsttage im Allgäu hinaus Kooperationen entstehen. So wird Gerald Cohen für das Shalom-Musik-Festival in Köln eine Auftragskomposition für Schofar, Klavier und Orchester schreiben, die am 05.09.2026 uraufgeführt werden soll.
Le Chant sur la Lowé (Gabun)
Seit 36 Jahren begibt sich der Chor auf die Suche nach den vorkolonialen kulturellen und religiösen Wurzeln und hat für das Festival ein kraftvolles Programm mit vielen choreographischen Elementen zusammengestellt. Das farbenfrohe Auftreten, Körperbemalung inklusive, verstärken unter Umständen ein klischeebehaftetes Afrika-Bild. Da empfiehlt sich die Lektüre des Programmheftes mit allen Texten, Übersetzungen und auch kurzen Erläuterungen. Dies hilft, den Blick für die vorkoloniale Kultur der vielen Bantu-Völker Gabuns zu öffnen, Kolonialkritik eingeschlossen („der weiße Mann hat uns einst belogen...“). Die ältere und auch gehbehinderte Gründerin des Chores reiste mit und es war berührend zu sehen, wie sie von allen mit Ehrfurcht behandelt wurde. Am Tag der Abreise erreichte den Chor die Nachricht, dass ein Chormitglied, welches krankheitsbedingt zu Hause geblieben war, verstorben ist. Eine Fahrerin berichtete, dass auf dem Weg nach München der jüdische Kantor für ein Chormitglied zum Trost im Auto ein Lied anstimmte – welch berührende Situation!
The Naghash Ensemble (Armenien/USA)
Als erstes Land überhaupt wurde Armenien im Jahr 301 n. Chr. unter König Trdat III. zum christlichen Staat. Das Naghash Ensemble präsentierte alte traditionelle liturgische Gesänge der armenisch-apostolischen Kirche und Kompositionen des für die armenische Musik so wichtigen Komponisten, Musikpädagogen und Musikethnologen Komitas Vardaped. Dieser überlebte den Völkermord im Osmanischen Reich im Jahr 1915, im Exil in Frankreich konnte er sich aber nicht mehr erholen und starb 1935 in einer psychiatrischen Klinik in Paris.John Hodian, der Gründer des Ensembles, hat armenische Wurzeln, lebt aber nun in Amerika. Er entdeckte Mkrtich Naghash, einen Priester, der im 15. Jhd. lebte und über seine Erfahrungen im Exil gedichtet hat. Die Vertonung seiner Texte durch Hodian ist eine Weiterentwicklung der armenischen Musiktradition ins Genre moderner Klassik, Postminimalismus, Jazz und Rock.
Polifonija (Litauen, Šiauliai)
Der professionelle Chor aus Litauen präsentierte neben christlicher Musik auch mit z.B. Sutartinė einen sehr alten, vorchristlichen und mehrstimmigen Gesangsstil. Daher war er im Programmheft auch mit drei Symbolen vertreten. Die Vielfalt religiöser Symbole bei einzelnen Ensembles war neu, verdeutlicht aber die Pluralität und Gleichzeitigkeit kultureller und religiöser Prägungen. Auch hier war auffällig, dass viele Komponist*innen noch leben und der Chor offensichtlich daran arbeitet, die litauische Chormusik weiterzuentwickeln, wobei christliche, volkstümliche und naturreligiöse Inhalte parallel und scheinbar ohne Konflikt nebeneinanderstehen.
Prassanna Vishwanathan Ensemble (Indien)
Wunderbare Ragas, wie zum Beispiel den Ragā Gāvati (Raga über die Einheit aller Glaubensrichtungen) brachten die vier Musiker*innen aus Indien mit. Jeweils ein Raga wurde durch die älteste noch lebendige Form der Hindustani-Musik (Nordindien)- Dhrupad - vorgestellt. Dhrupad entstand aus religiösen und spirituellen Gesangstraditionen und hat im Laufe seiner langen Geschichte vielfältige spirituelle Einflüsse aus Hinduismus, Islam, Sufi-Traditionen und dem Sikhismus erfahren.Dass im Programmheft dem Ensemble lediglich die Religion „Hinduismus“ zugeordnet wurde, sorgte unmittelbar vor dem Festival für Diskussion. Nicht nur Prassanna Vishwanathan hat Schwierigkeiten, sich mit der Religion, die in seinem Heimatland nationalistisch ausgelegt wird, zu identifizieren. Die Anmoderation in den Konzerten bzw. auch eine Stellungnahme des Musikers sensibilisierten für diesen Sachverhalt. Die Konzertbesucher hatten dann die Chance, der Dhrupad-Form in voller Länge von ungefähr 40 Minuten zu lauschen und sich dabei in eine tiefe Meditation zu versenken. Faszinierend, wie Prassanna zunächst mit langen einzelnen Tönen das Atemgeschehen in den Mittelpunkt stellte, beim Einatmen Lebens- und Weltenergie aufnahm und beim Ausatmen Klänge zurückgab. Langsam steigerte sich dann das Tempo. Begleitet wurde er von einem Pakhawaj-Spieler (eine alte indische Trommel), einer Tanpura und einer Schüler-Sängerin, die ab und zu Passagen wiederholte oder den Gesang oktavierend begleitete. Im Atelier beschrieb er, wie genau durch solche Guru-Student-Beziehungen die hohe Dhrupad-Gesangskunst in Indien weitergegeben wird.
Festivalchor
Der Festivalchor sang unter der Leitung von Jan Schumacher vier Werke: Psalm 23 „Adonai Roi“ von Gerald Cohen (*1960), die Vertonung der Sure 55:1-9 „Der Barmherzige“ von Recep Gül (*1982), eine Collage mit Psalm 1, die die Migrationsbewegungen des reformierten Chorals ins osmanische Reich und wieder zurück nachzeichnete und eine Uraufführung.Mit diesem Programm und speziell mit der Uraufführung möchte ich weit über das Festival hinausgehende Impulse in das Chorrepertoire setzen. Die polnische Komponistin Zuzanna Koziej (*1994) vertonte das berühmte Gayatri Mantra. In dem Werk werden sowohl der Sanskrit Text als auch die deutsche Übersetzung aufgegriffen. Die Komponistin schreibt dazu: „Das Mantra als Kontemplation, die Hymne als Lobpreis und der Rhythmus (Konnakol) als lebensspendende Kraft – zusammen können diese drei Elemente als Spiegelbild des Lebens selbst gesehen werden und bilden die Essenz des Stücks „Gayatri Mantra“. Eine Besonderheit auch, dass alle drei Komponist*innen anwesend waren und so in den Proben des Chores wertvolle Hinweise zur Aufführung ihrer Stücke geben konnten. Im Sinne der Nachhaltigkeit wird das Gayatri Mantra im Carus-Verlag verlegt und es wäre schön, wenn viele Chöre dieses abwechslungsreiche und hörenswerte Stück in ihr Repertoire aufnehmen würden.
Auftakt und Nachspiel
Zwei Wochen vor Festivalbeginn reiste der Mädchenchor der Singakademie zu Berlin mit seiner Leiterin Friederike Stahmer und einem interreligiösen Konzertprogramm nach Marktoberdorf, um das Auftaktkonzert und auch im Rahmen von „Toleranz macht Schule“ einen Workshop an der Mittelschule in MOD zu gestalten. Am Tag nach dem Festival gab der türkische Komponist Recep Gül, der an der Technischen Universität in Istanbul eine Makam-App entwickelt hat, einen Workshop über Makam-Musik. Das Publikum war gemischt und so lernten vom türkischen Busfahrer bis zu einem türkischen Sänger und Oud/Saz-Spieler alle viel über dieses besondere türkische Tonsystem.
Es ist unmöglich, alle Erlebnisse und Begegnungen in einem kurzen Aufsatz zusammenzufassen. Viele der Begegnungen ereignen sich einfach und sind ungeplant, andere reichen auch weit über das Festival hinaus. Im Grunde wirkt das ganze fast wie ein Gesellschaftsversuch nach dem Motto: man versammle 200 Musiker*innen, 50 Chorsänger*innen, über 60 Ehrenamtliche aller Altersstufen, Menschen vieler verschiedener Religionen und das Publikum über fünf Tage im Allgäu, schaffe eine Struktur mit Konzerten, Ateliers, Proben, Vorträgen, Gottesdiensten usw. – und schaut dann, wie und was sich alles entwickelt. Es wehte an Pfingsten im Allgäu wahrhaft ein pfingstlicher Geist oder vielleicht auch der hebräische „ruach“. Er brachte Menschen, Kulturen und Religionen miteinander in Beziehung und Resonanzen. Trotz der vielen Sprachen, in denen gesungen und gesprochen wurde, konnten sich alle Beteiligten verständigen, sie konnten einander wahrnehmen, sich füreinander öffnen und sich gegenseitig mit ihren kulturellen Schätzen bereichern. So wurde auch im Festival „Musica Sacra International 2026“ für fünf Tage eine Utopie Wirklichkeit!
Fotos, Videos und weitere Informationen: www.musica-sacra-international.org
Blog zum Gayatri-Mantra bei Carus: https://blog.carus-verlag.com/chorwerke-im-spotlight/zuzanna-koziej-gayatri-mantra/
b) Rückblick von Prof. Dr. Peter Bubmann
wissenschaftlich-theologischer Leiter · zum Festival 2026
Dieser Bericht ergänzt den Bericht der künstlerischen Leiterin, Bettina Strübel, vor allem um Aspekte, die in den Bereich der Begleitveranstaltungen und der interreligiösen Bildungsprozesse fallen.
Unser Festival kann unter sehr verschiedenen Perspektiven wahrgenommen werden: Manche Konzertbesuchende kommen nur zu einem einzigen Konzert und erfahren so das Festival primär als Konzertbetrieb mit besonderer religiöser Note. Oder sie nehmen vorrangig das Yoga-Angebote am frühen Morgen in Anspruch. Andere haben den Festivalpass erworben und erleben so stärker die Verbindung vieler unterschiedlicher Musik- und Religionstraditionen, insbesondere, wenn sie sich auch an den Ateliers beteiligen. Das gilt verstärkt für die Mitwirkenden im Festivalchor, für die das Festival auch ein Chor-Projekt mit besonderem interreligiösem Flair darstellt. Für die vielen Ehrenamtlichen, die bei MSI mitwirken, ist das Festival wiederum eine ganz eigene Art von Erlebnis und Lernerfahrung. Hier stehen oft auch das Gemeinschaftsgefühl und das Wiedersehen in Teams, die bereits häufiger zusammengearbeitet haben, mit im Vordergrund. Und dann ist das Festival auch ein Multiplikator*innentreffen der „Profis“ der Chormusikszene. Da spielen wieder andere Themen und Anliegen eine Rolle. Beim diesjährigen Durchgang kam noch eine weitere Gruppe dazu: hauptamtlich wie ehrenamtlich im interreligiösen Dialog engagierte Personen, die sich ganz bewusst auf interreligiöse Lernprozesse im Medium von Musik einlassen wollten. Von dieser Gruppe soll zunächst die Rede sein.
Erstmals war das Festival im Vorfeld gekoppelt mit einer Fachtagung in der Ev. Akademie in Tutzing vom 3. bis 5. Oktober 2025, die das Thema des Festivals „Resonanzen des Heiligen“ religionswissenschaftlich wie theologisch durchleuchtete. Diese Tagung diente sowohl einer Studierendengruppe der Universität Erlangen-Nürnberg als Seminar unter meiner Leitung als auch dem interessierten Publikum aus der Region München als Erwachsenenbildungsveranstaltung. Etliche Beiratsmitglieder des Festivals waren neben der Leitung des Festivals aktiv referierend und musizierend beteiligt und gaben so der Tagung auch den Charakter eines fachwissenschaftlichen Symposiums. Diese Tagung erschloss in Vorträgen und Workshops die beim Festival vertretenen Musiktraditionen und ihre religiösen Bezüge. Sie führte einerseits dazu, dass im neu und umfangreicher gestalteten Programmbuch des Festivals Kurzfassungen der Vorträge aufgenommen wurden, die zur ersten Orientierung über religiöse Traditionen und Musik dienen können (dort S. 18-43). Zum anderen fanden einige der bei der Tagung beteiligten Personen als MSI-Festival-Teilnehmende den Weg nach Marktoberdorf und sangen im Festivalchor mit.
Der von mir selbst gehaltene Eröffnungsvortrag beim Festival griff dann auf der Grundlage dieser religionswissenschaftlichen und theologischen Vorarbeiten das Thema „Resonanzen des Heiligen“ erneut auf und versuchte, anhand konkreter Musikbeispiele Orientierungen für die Wahrnehmung dieser Musik zu geben.
Darüber hinaus entwickelte sich aus der Tutzinger Tagung auch die Idee, in München vor dem Konzert in der Herz Jesu-Kirche eine multireligiöse Feier zu veranstalten. Hierfür konstituierte sich unter Leitung von Alexandra Morath eine Basisgruppe vor Ort in München, die in mehreren Zoom-Sitzungen nach der Methode des „scriptural reasoning“ arbeitete, zu der A. Morath auch wissenschaftlich forscht. Man tauschte sich über ‚heilige‘ Texte der je eigenen Tradition aus, brachte sie ins Gespräch miteinander und entwickelte daraus einen ‚Dialogimpuls‘, der vor dem Samstagskonzert beim Festival in München in der Herz-Jesu-Kirche in einer multireligiösen Feier seinen Ort fand. Zu den Teilnehmenden gehörten auch die Beauftragten für den interreligiösen Dialog der beiden christlichen Großkonfessionen in Bayern, Mirjam Elsel (ELKB) sowie Dr. Andreas Renz (Bistum München-Freising). Für uns alle ergab sich ein mit dem anschließenden Konzert sehr gut zusammenpassender Bogen interreligiöser Begegnung und intensiver interreligiöser Bildungsprozesse. Der Zugang der Vorbereitungsgruppe des multireligiösen Gebets erfolgte zwar nicht primär über Musik, es entwickelte sich im Laufe des Prozesses aber eine besondere Fokussierung auf musikalische Formen der Glaubensgestaltung und des religiösen Rituals. Dies mündete in einer Koran-Suren-Rezitation sowie mehreren Gesängen aus der christlichen wie der Bahai-Tradition, die in die Feier eingebracht wurden. Es wäre wünschenswert, wenn diese Form interreligiöser Begegnung und Feier auch an anderen Orten des Festivals zukünftig eine Realisierungschance hätte. Auf diese Weise könnte auch die Vernetzung mit Trägern des interreligiösen Dialogs vor Ort, in der Region und darüber hinaus weiter vertieft werden.
Ähnlich wie diese Form eines interreligiösen Prozesses mit abschließender Feier sind auch die Ateliers beim Festival selbst als Orte interreligiöser Lernprozesse angelegt. Rückmeldungen, z.B. auch am Rande von Begegnungen auf dem Wohnmobilstellplatz, lassen darauf schließen, dass sie auch genau so wahrgenommen wurden. Wenn Musizierende selbst in ihre musik-religiöse Tradition einführen oder in die je eigene Praxis durch gemeinsames Ausprobieren mit hineinnehmen, löst das besonders intensive Lernprozesse aus.
Nicht weniger bedeutsam und möglicherweise sogar besonders nachhaltig können auch Formen informellen Lernens in oder am Rande von Konzerten, Gottesdiensten und Treffen im Café Musica sein. Als die Brigham Young University Singers bereits am Donnerstagabend an der Musikakademie eintrafen und ich einen Abendspaziergang machte, hörte ich sie auf dem Friedhof neben der Kirche singen und gesellte mich dazu. Sie feierten dort ihr Abendritual eines „evensongs“, in das sie mich kurzerhand mit einluden und einbanden. So entstand eine erste intensivere Begegnung mit einer Tradition, die mir vorher nicht geläufig war. Ähnlich geht es vielen Teilnehmenden bei den gemeinsamen Mahlzeiten oder abends beim Ausklingen-Lassen im Hof an der Musikakademie.
Von besonderer Intensität sind die informellen Lernprozesse beim gemeinsamen Singen im Festivalchor. Nicht nur, weil hier die Komponist:innen gleich dreier Stücke selbst anwesend waren und so Einblicke in Ihre Intentionen geben konnten. Sondern auch, weil beispielsweise die Begegnung mit dem Gayatri-Mantra, einem der ältesten und heiligsten Mantren der indischen Tradition, auf eine intensive Weise eine Begegnung mit einer musik-religiösen Tradition ermöglichte, die durch reines Zuhören kaum in gleicher Weise erreichbar ist. Hier wird der Anspruch unseres Festivals, eine Begegnung mit anderen musik-religiösen Traditionen zu bieten, exemplarisch eingelöst.
Dass diese Beteiligungs- und Begegnungsmöglichkeit im Festivalchor am Ende mit in das Abschlusskonzert integriert wird, zeigt, wie sich die unterschiedlichen Perspektiven, unser Festival wahrzunehmen, überlappen und sich dadurch verstärken können.
Möglich ist dies alles nur, weil ein Organisationsteam unter Leitung des Geschäftsführers der MODfestivals, Prof. Ulrich Wegenast, in Verbindung mit der künstlerischen und wiss.-theol. Leitung das Festival vorbereitet und durchführt. Dieses Orga-Team sorgt bei nur kleiner Zahl von hauptamtlichen Teammitgliedern mit unendlich viel ehrenamtlichem Einsatz von 60 Ehrenamtlichen für den reibungslosen Ablauf eines solch komplexen Ereignisses. Ihnen gilt daher unser besonderer Dank.