Interreligiöse und -kulturelle Begegnungen standen im Mittelpunkt des Festivals

P1750864 Klein

 

 

Vielfältige Musik aus unterschiedlichen Religionen und anderen Kulturkreisen präsentierte das Festival Musica Sacra International über Pfingsten 2026 in Marktoberdorf, Augsburg, München und der ganzen Region Allgäu. Das Begegnungsfestival leistet durch die Musik einen gerade in der heutigen Zeit wichtigen Beitrag zum Kennenlernen und Verstehen anderer Kulturen und Religionen. Die begeisterten Zuschauer erlebten außergewöhnliche musikalische Beiträge, Vielfalt, Gemeinschaft und Toleranz. Das Motto des erfolgreichen Festivals lautete "Resonanzen des Heiligen". Über 4.500 Besucher*innen besuchten die Konzerte, die in Marktoberdorf, Augsburg, München und im ganzen Allgäu stattfanden. Nicht nur die Konzerte fanden großen Anklang, sondern auch die unterschiedlichen Ateliers und die Rahmenprogramme – wie der interkulturelle Brunch oder das Singen auf dem Marktoberdorfer Marktplatz –, die ein breites Publikum erreichten. Besonderes Highlight war der ausgebuchte Festivalchor unter der Leitung von Prof. Jan Schumacher, der ein interreligiöses Programm erarbeitete und präsentierte.

Eingeladen waren acht Ensembles und Chöre aus verschiedenen Ländern und Regionen der Welt: Die Brigham Young University Singers (USA) der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ waren qualitativ sehr hoch angesiedelt. Im Atelier gab Chorleiter Andrew Crane tiefe Einblicke in die Arbeit und Strukturen des Auswahlchors, der sich jährlich durch strenge „Auditions“ neu bildet. Die Brigham Young University Singers unterstützten als Studiochor harmonisch den Festivalchor.

Das Efsun Ensemble (Türkei/Deutschland) hatte sich extra für das Festival zusammengefunden. Mit einer Ausnahme leben alle Mitglieder in der Türkei, spielen in den dortigen Staatsorchestern oder unterrichten an verschiedenen Universitäten des Landes. Das Programm bildeten anatolische und osmanische Kompositionen, Improvisationen und auch zeitgenössische Werke, die von der jahrhundertealten Musiktradition der heutigen Türkei inspiriert waren.

Das Kölner Gagaku Ensemble (Deutschland/Japan) präsentierte uralte sakrale Ritualmusik, die in China entstand, jedoch nur in Japan 1300 Jahre „überlebt“ hat und heute außer in Japan lediglich an wenigen Orten der Welt gepflegt wird. Die Klänge kamen anfangs bei den Zuschauern dissonant bis irritierend an, entwickelten sich im Laufe der Festivaltage durch Erläuterungen im Atelier bei vielen zur verständnisvollen Ritualmusik. Auch im Hinblick auf das Festivalthema „Resonanzen des Heiligen“ war dieses Ensemble sehr aufschlussreich, ist Gagaku doch nicht in erster Linie für menschliche Ohren bestimmt, sondern soll eher dem Göttlichen gefallen.

Kol Koré (Deutschland/Israel) heißt „Die Stimme ruft“ und ist der Name des Ensembles um Jascha Nemtsov, Kantorin Aviv Weinberg und Antilopenhornspieler Bar Zemach. Eigentlich wird das Schofar zur Erzeugung von rhythmischen Signaltönen an den Hohen Feiertagen eingesetzt. Was der Hornist Bar Zemach, der im West-Eastern Divan Orchester spielt, an Melodien aus seinem Instrument herausholte, war phänomenal und einzigartig.

Seit 36 Jahren begibt sich der Chor Le Chant sur la Lowé (Gabun) auf die Suche nach den vorkolonialen kulturellen und religiösen Wurzeln und hat für das Festival ein kraftvolles Programm mit vielen choreographischen Elementen zusammengestellt, inklusive farbenfrohes Auftreten und rituelle Körperbemalung.

Das Naghash Ensemble (Armenien/USA) präsentierte alte traditionelle liturgische Gesänge der armenisch-apostolischen Kirche und Kompositionen des für die armenische Musik so wichtigen Komponisten, Musikpädagogen und Musikethnologen Komitas Vardaped. John Hodian entdeckte Mkrtich Naghash, einen Priester, der im 15. Jd. lebte und über seine Erfahrungen im Exil gedichtet hat. Die Vertonung seiner Texte durch Hodian ist eine Weiterentwicklung der armenischen Musiktradition ins Genre moderner Klassik, Postminimalismus, Jazz und Rock.

Der professionelle Chor Polifonija (Lettland) präsentierte neben christlicher Musik auch mit z.B. Sutartiné einen sehr alten, vorchristlichen und mehrstimmigen Gesangsstil. Auch hier war auffällig, dass viele Komponist*innen noch leben und der Chor offensichtlich daran arbeitet, die lettische Chormusik weiterzuentwickeln, wobei christliche, volkstümliche und naturreligiöse Inhalte parallel und ohne Konflikt nebeneinanderstehen können.

Wunderbare Ragas brachten die vier Musiker*innen des Prassana Vishwanathan Ensemble (Indien) mit. Faszinierend, wie Prassana zunächst mit langen einzelnen Tönen das Atemgeschehen in den Mittelpunkt stellte, beim Einatmen Lebens- und Weltenergie aufnahm und beim Ausatmen Klänge zurückgab. Beglei-tet wurde er von einem Pakhawaj-Spieler (eine alte indische Trommel), einer Tanpura und einer Schüler-Sängerin, die ab und zu Passagen wiederholte oder den Gesang oktavierend begleitete. Im Atelier beschrieb er, wie genau durch solche Guru-Student-Beziehungen die hohe Druphad-Gesangskunst in Indien weitergegeben wird.

Neben dem Besuch von insgesamt 15 Konzerten im gesamten Allgäu, Augsburg, München und Oberam-mergau konnten die aufgeschlossenen Besucher*innen die Ensembles in verschiedenen Ateliers kennen-lernen, im Festivalchor mitsingen, Vorträge, Gottesdienste und ein Interreligiöses Gebet erleben sowie abends zum fröhlichen get-together im "Café Musica" zusammenkommen.Der Festivalchor sang unter der Leitung von Jan Schumacher und beinhaltete auch eine exklusive Urauf-führung. Mit diesem Programm und speziell mit der Urauführung setzte Musica Sacra International weit über das Festival hinausgehende Impulse in das Chorrepertoire. Eine Besonderheit auch, dass alle drei Komponist*innen anwesend waren und so in den Proben des Chores wertvolle Hinweise zur Aufführung ihrer Stücke geben konnten.

Bereits zwei Wochen vor Festivalbeginn reiste der Mädchenchor der Singakademie zu Berlin mit sei-ner Leiterin Friederike Stahmer und einem interreligiösen Konzertprogramm nach Marktoberdorf, um das Auftaktkonzert und auch im Rahmen von „Toleranz macht Schule“ einen Workshop an der Mittelschule in Marktoberdorf zu gestalten. Am Tag nach dem Festival gab der türkische Komponist Recep Gül, der an der Technischen Universität in Istanbul eine Makam-App entwickelt hat, einen Workshop über Makam-Musik. Das Publikum war gemischt und so lernten vom türkischen Busfahrer bis zu einem türkischen Sänger und Oud/Saz-Spieler alle viel über dieses besondere türkische Tonsystem.

Viele der Begegnungen, ereignen sich spontan und ungeplant, andere reichen auch weit über das Festi-val hinaus. Im Grunde wirkt Musica Sacra International wie ein Gesellschaftsversuch: man versammle 200 Musiker*innen, 50 Chorsänger*innen, über 60 Ehrenamtliche aller Altersstufen, Menschen vieler verschie-dener Religionen und das Publikum über fünf Tage im Allgäu, schaffe eine Struktur mit Konzerten, Ate-liers, Proben, Vorträgen, Gottesdiensten usw. – und schaut dann, wie sich das alles entwickelt. Es wehte an Pfingsten im Allgäu wahrhaft ein pfingstlicher Geist oder vielleicht auch der hebräische „ruach“. Er brachte Menschen, Kulturen und Religionen miteinander in Beziehung und Resonanzen. Trotz der vielen Sprachen, in denen gesungen und gesprochen wurde, konnten sich alle Beteiligten gut verständigen, sie konnten einander wahrnehmen, sich füreinander öffnen und sich gegenseitig mit ihren kulturellen Schätzen be-reichern. So wurde beim Festival Musica Sacra International 2026 für fünf Tage eine Utopie Wirklichkeit.

 

Zu den Pressemitteilungen